Seit Februar 2005 liefen die Vorbereitungen auf unseren 13. Hilfstransport. Angefangen von der Terminierung über die Besorgung von Fahrzeugen, 2 Kleiderpackterminen, einer umfangreichen Spendenaktion von INTERFRIENDSHIP, dem besorgen von leeren Kartons, dem packen von Lebensmittel und Schulartikeln bis zur Erledigung vielfacher Formalitäten und Anträge ging des Spektrum. Und so Kleinigkeiten wie Klebeband besorgen, Adressetiketten drucken, Kisten von McDonalds für die Lebensmittel- und Gastelternpakete (die Familien, die in Hargesheim ein Kind beim Sommeraufenthalt aufgenommen haben, schicken diesem und seiner Familie in der Regel ein Paket, das wir persönlich übergeben) herbeischaffen, anmelden des Transports in Weißrussland und bei den deutschen Botschaften in Warschau und Minsk, Einfahrtgenehmigungen nach Weißrussland und Ausnahmegenehmigungen vom Sonntagsfahrverbot in Deutschland beantragen, Spendenaufrufe, Einladung und Visa besorgen gehen schnell wieder vergessen.
Als dann ca. 3 Wochen vor dem Transport von Weißrussland immer mehr Probleme gemeldet werden überlegten wir schon, ob wir diesen Transport überhaupt durchführen sollen. Letztendlich gaben die Spenden von INTERFRIENDSHIP den Ausschlag, dass wir trotz aller Schwierigkeiten in Richtung Belarus aufbrachen. Von dort hatten wir so viele Spenden bekommen, die angeblich auch kein Problem in Belarus machten, dass wir zwar einen Lkw zu Hause ließen, uns aber trotzdem mit allen 13 Fahrern auf die Reise nach Otor machten. Zu Hause gelassen haben wir insbesondere Kleiderpakete. Auch einige wenige Lebensmittelpakete.
Die Spenden von IF-Mitgliedern sind alle mitgegangen (hier die vollständige Liste, in der alles bis ins Kleinste aufgeführt ist!)
Nach monatelangen Vorbereitungen und vielen Problemen in den letzten Wochen bevor es losging war der Tag der Abfahrt nun endlich gekommen.
Freitag der 28.10.2005. Morgens um 11:00 Uhr wurde der Lkw von Herrn Neumann vom Binger Zollamt verplombt. Er war uns schon von einigen früheren Transporten bekannt und die Sache lief problemlos ab. Doch ein anderes Problem tat sich auf. Der Lkw selbst musste noch einmal in die Werkstatt und der Auflieger hatte schließlich noch einen Plattfuß. Für unseren Fahrer Walter Frey sollte es dadurch ein ziemlich hektischer Tag werden. Im Laufe des Tages wurden die letzten Vorbereitungen an den Begleitfahrzeugen getroffen. Gegen 17:00 Uhr trafen sich dann die Fahrer in der Schulstraße, um die Reisetaschen in den Fahrzeugen zu verstauen. Nach und nach treffen alle ein und die Autos füllten sich. So konnten wir uns auf den Dorfplatz begeben, wo der Reisesegen erteilt werden sollte und wir uns von den anwesenden Angehörigen und Freunden verabschieden wollten.
Rechtzeitig um 17:45 Uhr trafen wir mit den Fahrzeugen dort ein, nur Walter war mit dem großen Lkw immer noch nicht da. Doch nach einigen Minuten hörten wir ein bekanntes Motorengeräusch und die Truppe war komplett. Und so erhielten wir mit etwa 10-minütiger Verspätung den Reisesegen von Pfarrer Nordmann. Wie sich später herausstellen sollte, hatte Pastor Willems von der katholischen Kirchengemeinde den Termin vergessen. Noch ein Bild von den Fahrern und dann die Verabschiedung von unseren Familien und vielen Menschen, die uns eine glückliche Reise wünschen wollten. Um 18:15 Uhr machten wir uns dann auf die lange Reise zu unseren Freunden nach Weißrussland.
Von Hargesheim geht es zur A61 und dann weiter in Richtung Frankfurt. Bei Wiesbaden legen wir nach ca. 35 Minuten den ersten Stop ein. An dem großen Lkw müssen die Radmuttern nachgezogen werden. In den nächsten Stunden begleitet uns viel Verkehr auf den Autobahnen und erst nach Kassel wird es besser. Jetzt läuft es besser und wir kommen zügiger voran. Die Stopps und Fahrerwechsel erfolgen routiniert und die ersten Teilnehmer legen sich zum schlafen hin. Über Braunschweig geht es auf die A2 an Magdeburg vorbei und dann auf den Berliner Ring. Am Autobahndreieck Spreeau wechseln wir auf die A12 in Richtung Frankfurt/Oder. Kurz nach halb fünf erreichen wir den Rastplatz „Biegener Hellen“. Von hier aus melden wir uns bei der Autobahnpolizei, um zu erfahren, ob man bis zur Grenze vorfahren kann oder Begleitung von einem Polizeifahrzeug erhält. Heute haben wir Pech. Vor der Grenze ist eine Schlange von ca. 4 km und ein Polizeifahrzeug ist zur Zeit nicht als Begleitung zu bekommen, die alle im Einsatz sind. Wir machen uns also ohne Begleitung auf zur Grenze und sehen auch schon bald wo zumindest ein Polizeifahrzeug im Einsatz ist. Ein ziemlich schlimmer Unfall, bei dem ein Pkw unter einen Lkw gefahren ist. Wir erreichen das Stauende und versuchen noch einmal unser Glück bei der Autobahnpolizei. Doch alle Fahrzeuge sind immer noch im Einsatz und so bleibt uns nichts übrig, als in der Schlange zu stehen und uns in Geduld zu üben. Doch es geht langsam voran und (Samstag, 29.10.2005) um 06:05 Uhr erreichen wir nach 702 km die Grenze von Deutschland nach Polen. Nach kurzer Passkontrolle passieren wir den polnischen Zoll. So schnell waren wir noch nie in Polen. Jetzt nur noch Straßengebühren bezahlen und Geld wechseln. Denn obwohl Polen seit 01.05.2004 in der EU ist, kann man noch nicht überall mit Euro bezahlen.
Auf den ersten Kilometern in Polen erleben wir einen herrlichen Sonnenaufgang. Ein gutes Zeichen? Unser nächstes Ziel ist das Hotel ODR in Kalsk. Es liegt etwa 80 km hinter der Grenze und 15 km abseits unserer Fahrstrecke. In diesem Hotel verbringen unsere Gastkinder bei der An- und Rückreise zu den Sommeraufenthalten jeweils eine Übernachtung mit Frühstück in guten Zimmern zum Preis von 6,-- Euro an. Dafür wollen wir dem Besitzer unseren Dank aussprechen, ein kleines Geschenk überreichen und gleichzeitig die Gelegenheit zu einem Frühstück nutzen. Wir sind angenehm überrascht und genießen das Frühstück, dass für uns 13 Fahrer insgesamt 25,-- Euro kostet und mit Käse, Wurst, Brötchen, Brot, Kaffee und Tee reichlich ist. Der Besitzer freut sich sehr über das Weingeschenk und die netten Worte. Er lädt uns ein jederzeit wieder bei ihm Halt zu machen.
Gegen 09:15 Uhr fahren wir weiter bei herrlichem Sonnenschein. Die Strecke durch Polen ist uns schon von den 12 vorhergegangenen Transporten bekannt. Doch es gibt immer mal wieder eine Überraschung. So auch dieses Mal. Die Autobahn in Polen beginnt nun schon vor Posen, was uns mindestens eine Stunde Zeitersparnis einbringt. Dafür müssen wir einmal mehr Autobahngebühren bezahlen. Doch die 38 Sloty (umgerechnet ca. 10 Euro) lohnen sich. Wie es aber meistens ist, gleicht sich alles wieder aus und so stehen kurz nach dem Ende der Autobahn ca. 1 Stunde im Stau. Der Grund ist wohl eine Ortsdurchfahrt, die durch eine Ampel sehr erschwert wird. Kurz danach erreichen wir Kutno, wo wir bei Mc Donalds anhalten. Ein schon traditioneller Halt. Bis hierher waren es 1.083 km, die Hälfte der Strecke liegt also schon hinter uns und wir sind bis jetzt etwa 21 Stunden unterwegs. Da haben wir uns mal wieder eine Pause verdient. Nach der Stärkung geht es weiter in Richtung Warschau. Allerdings dürfen wir mit dem Lkw nicht durch Warschau hindurch fahren. Wir müssen die Hauptstadt Polens weitläufig umfahren. Aber auch das kennen wir schon und bringen routiniert die Strecke hinter uns. Noch ein Halt an einem Rastplatz und dann geht es auf die letzten Kilometer bis zur Grenze. Etwas unheimlich ist es immer vor der Grenze an einer mehr als 10 km langen Lkw-Schlange vorbeizufahren. Als humanitärer Hilfstransport muss man sich nicht am Ende der Schlange anstellen, sondern darf daran vorbei bis direkt vor die Grenzanlagen fahren. Doch schon mehr als einmal haben wir erlebt wie der ein oder andere Lkw-Fahrer versucht den Weg zu versperren. Heute geht es jedoch problemlos und wir erreichen um 21:45 Uhr die polnischen Grenzanlagen.
Bei der Einfahrt werden die Fahrzeuge gewogen, doch das bereitet uns keine Probleme. Der Parkplatz im Zollhof ist allerdings bis auf den letzten Platz gefüllt. Oh je, das kann dauern denken wir. Die Fahrzeuge bleiben ziemlich weit hinten stehen und Rafael unser Dolmetscher, sein Bruder Georg, Udo und ich machen uns auf den Weg ins Terminal, um die Formalitäten zu erledigen. Dort geht es überraschend schnell und wir sind nach kurzer Zeit wieder auf dem Parkplatz. Dort müssen wir feststellen, dass sich viele der dort geparkten Lkws auf den Weg weiter in Richtung Belarus machen und wir wollen diese Gelegenheit nutzen und bei diesem Durchgang ebenfalls dabei sein. Doch unsere Fahrzeuge stehen nicht mehr an der ursprünglichen Stelle. Bis alle Fahrer wieder in den Autos sind vergehen einige Minuten, doch wir schaffen es nach noch nicht mal einer Stunde den polnischen Zoll in Richtung Weißrussland zu verlassen. Das war verdammt schnell. Langsam legen wir die 6 km bis zur Brücke über den Fluss Bug, der die natürliche Grenze zwischen Polen und Weißrussland bildet, zurück. Eine letzte Kontrolle auf der polnischen Seite und wir passieren die Zeitgrenze. Jetzt heißt es erst mal die Uhr eine Stunde zurückstellen. Da heute aber auch die Sommerzeit endet, können wir unsere Uhren stehen lassen und haben automatisch weißrussische Zeit.
Wir fahren in den weißrussischen Zoll ein und erleben die erste heikle Situation. Ein weißrussischer Zollbeamter fragt uns nach den Paketen in den Begleitfahrzeugen. Wir erklären, dass es sich um Pakete der Fahrer handelt in dem Wissen, dass jeder Fahrer nur 50 kg Gepäck und max. 5 kg Lebensmittel zollfrei einführen darf. Doch der Zöllner hat wohl Verständnis und belässt es bei der Frage. Nach der Fahrzeugkontrolle werden unsere Pässe kontrolliert. Bei 13 Fahrern nimmt das natürlich einige Zeit in Anspruch. Der Zollbeamte prüft die Angaben auf dem Sammelvisum und in den Pässen, danach vergleicht er die Bilder in den Pässen mit den Gesichtern des jeweiligen Fahrers. Manch ein Pass ist schon ein paar Jahre alt und das Aussehen hat sich verändert. Doch die Passkontrolle verläuft ohne Probleme. Die Fahrzeuge werden auf dem Parkplatz im Zollhof abgestellt und diejenigen, die jetzt erst mal nichts zu tun haben, legen sich hin und versuchen zu schlafen.
Ich gehe mit Rafael ins Zollgebäude, um die Formalitäten zu erledigen. Rainer Baab begleitet uns, um Euro in Rubel zu tauschen. Anschließend begibt auch er sich wieder in die Fahrzeuge. Bei uns verläuft zunächst alles reibungslos. Wir finden den Schalter, an dem unsere deutsche Ausfuhrerklärung in das weißrussische Zolldokument DKD übersetzt werden soll und die Frau dort beginnt sofort mit der Arbeit. Doch dann beginnt der Zauber. Empfänger der humanitären Hilfe soll die Direktorin der Schule in Otor sein. Um humanitäre Hilfe empfangen zu dürfen muss man in Weißrussland registriert sein oder beim Zoll eine Genehmigung des Departements für humanitäre Hilfe vorliegen. Beides ist für die Direktorin der Schule in Otor nicht der Fall. Was nun? Wir müssen zum Chef des Zolls. Er erklärt uns nochmals die Vorgaben und kann uns zunächst nicht helfen. Wir vereinbaren, dass wir uns mit der Direktorin in Verbindung setzen und diese beim Zoll anruft.
(Sonntag, der 30.10.2005) Es ist mitten in der Nacht, ca. 03:00 Uhr. Zunächst besorgen wir uns eine weißrussische Telefonkarte und wählen dann die Privatnummer der Direktorin. Sie ist auch relativ schnell am Telefon und wir erklären die Situation. Als wir wieder zurück zum Chef des Zolls kommen, telefoniert dieser bereits mit der Schuldirektorin. Zunächst bewegt sich nichts und der Zollchef rät uns die Zeit zum ausruhen zu nutzen. Vor 09:00 Uhr des nächsten Morgens ginge nichts. Dann kommt ein weiterer höherer Zollbeamter hinzu. Erneutes Gespräch mit der gleichen Empfehlung. Unser Konvoi soll zudem von der Grenze bis in das Dorf Otor von einem Zollfahrzeug begleitet werden. Natürlich müssten wir das bezahlen und das würde mit ca. 400 Euro zu Buche schlagen. Wir überlegen, ob wir den Transport abbrechen und nach Hause zurückkehren sollen.
Nach kurzer Zeit und Durchsicht der Dokumente scheint einer der beiden Beamten eine Lösung zu haben. Er fragt, ob wir unseren Vereinsstempel und einen Briefbogen des Vereins bei uns haben. Ich kann bejahen. Wir müssen die Ladeliste neu schreiben und als Empfänger die Kreisverwaltung in Tschetschersk eintragen. Also schnell zurück zu dem Schalter, an dem das weißrussische Zolldokument geschrieben werden soll. Dort wollen wir auch die Ladeliste neu schreiben. Unser Angebot diese Ladeliste selbst zu schreiben wird gerne angenommen. So komme ich in den Genuss auf einem weißrussischen Computer mit englischem Zeichensatz eine deutsche Ladeliste neu zu schreiben. Doch es geht besser als gedacht. Zu guter letzt noch unseren Vereinsstempel drauf und einige Kopien gemacht. Es gibt langsam Bewegung. Die Unterschrift des Zollchefs ist kein Problem und die Begleitung durch ein Zollfahrzeug kein Thema mehr. Wir müssen noch Straßengebühren für die beiden Begleitfahrzeuge bezahlen und am Zollschalter die Formalitäten erledigen. Ich merke wie diese Nacht an meinen Kräften zehrt und schlafe fast im stehen ein. Doch wir sind froh, als wir endlich zu den Fahrzeugen gehen und den restlichen Fahrern die Weiterfahrt verkünden können.
Es ist 07:00 Uhr als wir den weißrussischen Zoll verlassen und uns in Richtung der Hauptstadt Minsk auf den Weg machen. Wir halten an der ersten Tankstelle in Weißrussland und ich erzähle den anderen Fahrern von den Ereignissen der Nacht. Viele haben gar nicht bemerkt wie lange wir im Zollgebäude waren. Doch alle sind erleichtert dass es weitergeht und wir nicht zurückfahren müssen. Ein kurzes Telefonat mit Katharina Schewzowa in Minsk, wo wir den nächsten Halt eingeplant haben und es geht weiter. In Belarus ist es zwar kalt aber die Sonne scheint. Wir kommen gut voran und liegen trotz des langen Aufenthalts im weißrussischen Zoll gut in der Zeit. Kurz vor Minsk erwarten uns Iwan, der Mann von Katharina und ihr Sohn Jura. Wir werden herzlich begrüßt und von dort aus von beiden begleitet. Um 12:20 Uhr kommen wir in Minsk in der Eseninstraße 131, dem Haus der Familie Schewzow, an. Bis hierher waren es 1.783 km und wir sind jetzt 42 Stunden unterwegs. Noch liegen 300 km vor uns, doch zunächst werden wir hier reichlich beköstigt und genießen den ersten Halt bei guten Freunden.
Zur Begrüßung gibt es natürlich einen Wodka, doch wir halten uns zurück, da ja noch eine ca. 5-stündige Fahrt vor uns liegt. Natürlich berichten wir von der Fahrt, den Problemen im Zoll, von zu Hause und hören Neues aus Minsk. Aus der Familie Schewzow kommt unser erstes weißrussisches Gastkind Olga. Wir erfahren, dass sie einen Freund hat und schon von Hochzeit geredet wird. Olga ist 22 Jahre und ihr Freund Dennis 29. Er ist Arzt, Olga Krankenschwester. Eine schöne Nachricht. Jura, der Sohn der Familie Schewzwo, fährt noch Zigaretten kaufen, die hier in Belarus um einiges günstiger sind als bei uns. Die Fahrer wollen sie mitnehmen in das Dorf Otor, um sie dort als Geschenke zu verteilen. Bei Schewzows treffen wir auch Emma Trofimowa, eine langjährige Dolmetscherin während der Sommeraufenthalte. Sie wird uns nach Otor begleiten.
Nach gut 2 Stunden fahren wir um 14:30 Uhr weiter in Richtung Otor. Noch liegen ca. 300 km vor uns. Die Strecke von Minsk nach Otor ist uns allerdings bekannt und eigentlich kein Problem. Kurz vor Babrujsk halten wir an einem Café, dass wir auch schon im Rahmen unserer Gastelternreise besucht hatten. Es gibt guten Lavazza-Kaffee und auch Zimmer zu mieten. Selbst eine Banja ist vorhanden. Im Garten steht ein Toilettenhäuschen, dass wohl niemals jemand von uns besuchen würde. Aber auch die Toiletten im Gebäude sind nicht nach westlichem Standard. Dann geht die Fahrt weiter. Kurz hinter Babrujsk kommt Walters Stimme über Funk. Er meint wir hätten uns verfahren. Da es jetzt schon dunkel ist, ist eine Orientierung nicht mehr so einfach. Nach einigen Kilometern müssen wir aber feststellen, dass er wohl Recht hatte. Beim letzten Kreisel haben wir diesen eine Ausfahrt zu früh verlassen und sind weiter in Richtung Gomel gefahren, wo wir eigentlich in Richtung Rogatschow hätten fahren müssen. Doch diese Malheur bügeln wir elegant aus, indem wir an der nächst möglichen Abfahrt nach links in Richtung Rogatschow einbiegen. Eine knappe halbe Stunde und wir sind wieder auf der gewohnten Strecke. Kurz vor Rogatschow tanken wir die Begleitfahrzeuge und machen uns dann auf die letzten 70 km bis Otor. Über Dovsk und Merkulavitschi geht es weiter und dann sehen wir rechts Tschetschersk liegen. Noch 5 km und wir sehen auch die Lichter von Otor.
Am Sonntag den 30.10.2005 um 19:30 Uhr Ortszeit und nach 2.083 km kommen wir in Otor an. Auf dem Dorfplatz warten schon viele Menschen auf uns. In der Dunkelheit ist es dann nicht so einfach die einzelnen Personen zu erkennen, doch fast jeder hier im Ort ist uns bekannt und wir begrüßen alle ganz herzlich. Nach den ersten Umarmungen begeben wir uns in die Schule. An der Eingangstreppe komme ich ins Stolpern, da die Treppe neu gemacht wurde und jetzt ganz gleichmäßige Stufen hat. Das waren wir bisher nicht gewohnt. In der Schule dann die offizielle Begrüßung mit einem Kuchen. Hier lernen wir auch den neuen Leiter der Bildungsabteilung in der Kreisverwaltung Tschetschersk kennen. Wir nennen uns gleich beim Vornamen. Er heißt Igor und seine Frau Olga. Nach einem kurzen Gespräch treffen wir noch Absprachen für den Montag und bringen anschließend den Lkw zur Miliz nach Tschetschersk. Die Fahrer gehen dann mit ihren Gastgebern nach Hause und verbringen noch einige Zeit dort bevor sie schlafen gehen. Wanja, mein Gastvater, hat schon mein Gepäck nach Hause gebracht. Nachdem wir den Lkw bei der Miliz untergestellt haben, fahre ich noch zu Tatjana, der Schwiegermutter von Wanja. Dort sitzen Emma, Udo, Tatjana, Wanja, Alessja, Wasja, Marina und ich beim Abendessen zusammen und erzählen noch ein wenig. Doch schon bald merken wir die Strapazen der Reise und ich gehe mit Wanja nach Hause, um dort bald einzuschlafen.
Es ist Montag, 31. Oktober 2005. Um 06:45 Uhr geht mein Wecker. Ich stehe auf, dusche und frühstücke. Ist das angenehm nach 2 Tagen unterwegs. Nastja und Veta, die Kinder von Wanja und Alessja, sind zu Hause. Auch in Belarus sind Ferien. Wanja muss schon früh zur Arbeit. Er ist Direktor einer Firma mit 12 Bussen und 8 Lkws. Alessja bleibt extra wegen mir noch zu Hause. Obwohl sie Lehrerin ist, sind für sie keine Ferien. Das ist halt anders als in Deutschland. Hier in Belarus sind in den Ferien Konferenzen, an denen die Lehrer mehrerer Schulen teilnehmen. In diesem Jahr hat die Schule von Alessja diese Konferenz auszurichten. Alessja ist dort stellvertretende Direktorin und deshalb sehr eingebunden in die Vorbereitung und Durchführung.
Um 07:45 Uhr verlasse ich die Wohnung und warte an der Straße in Tschetschersk auf den FORD-Bus mit dem Rafael und die Direktorin der Schule in Otor, Irina Winidiktowa, aus Otor kommen. Sie bringen noch Bernie und Walter mit, die den Lkw bei der Polizei holen. Zu letzt steigt noch Igor von der Kreisverwaltung zu und dann fahren wir gemeinsam nach Gomel zum Zoll. Wir kennen den Weg schon vom Vorjahr und sind gegen 09:00 Uhr vor Ort. Während Rafael, Irina, Igor und ich zur Anmeldung gehen wird der Lkw in den Zollhof eingelassen.
Nachdem wir angemeldet sind gehen wir in das Nachbargebäude, wo die Zollbeamten sitzen, die uns abfertigen sollen. Es geht langsam voran, doch schnell zeigt sich, dass es nicht so einfach werden wird. Für die Einlagerung der Güter benötigt man eine Genehmigung für ein vorübergehendes Zolllager. Leider hat Irina es versäumt diese Genehmigung schon im Vorfeld einzuholen. So benötigen wir noch die Unterschrift des Zollchefs von Gomel, der natürlich in einem anderen Gebäude der Stadt sitzt und nicht gerade auf uns wartet. Wir fahren also in die Stadt, doch vor der Mittagspause können wir nichts mehr erreichen.
So wollen wir zunächst auf einer Bank die Parkgebühren für den Lkw einzahlen. Doch auch hier ist Mittagspause. Also gehen wir in ein nahe gelegenes Bistro, um ebenfalls etwas zu Mittag zu essen. Danach zahlen wir auf der Bank dann die Parkgebühren ein und fahren zum Zollhauptgebäude. Rafael versucht Alexander, einen bekannten Zollbeamten, zu erreichen. Nach einiger Zeit gelingt es auch und er versucht uns zu helfen. Trotzdem dauert es bis kurz nach 17:00 Uhr bis die Unterschrift endlich da ist. Wir fahren zurück zum Zollgebäude, wo auch der Lkw steht. Doch nun ist es zu spät, um noch nach Otor zu fahren und auszuladen. Denn ein Zollbeamter muss mitfahren und er würde die Hin- und Rückfahrt während seiner Arbeitszeit nicht mehr schaffen. So lassen wir den Lkw im Zollhof und fahren mit dem FORD-Bus zurück. Das heißt aber auch, dass wir morgen wieder kommen müssen.
Gegen 19:00 Uhr sind wir bei Tatjana wo sich heute alles Fahrer und einige der Gasteltern treffen, um gemeinsam zu essen, zu trinken und zu erzählen. Es soll auch gefeiert werden, doch dazu ist heute keinem so richtig zu Mute.
Mit der Zeit entwickeln sich aber viele Gespräche und Diskussionen. Es wird so doch noch ein schöner Abend. So langsam verabschieden sich die Fahrer, um in ihre Familien zurück zu kehren. Auch Wanja und ich gehen nach Hause. Alessja ist mit den Kindern schon früher gegangen. Dort angekommen setzen wir uns noch in der Küche zusammen, um weiter zu erzählen.
Dienstag, 1.11.2005. Die Nacht war kurz und um 06:45 Uhr stehe ich auf. Wanja ist schon wieder zur Arbeit und Alessja hat sich noch einmal bis 8 Uhr freigenommen. Ich gehe wieder zur Straße und warte dort auf den Bus, der aus Otor kommt. Die Strecke ist bekannt und gegen 09:00 Uhr waren wir wieder im Zoll in Gomel. Der Chef teilt uns einen Zöllner zu. Es ist nicht die Frau vom Vortag und so fängt der Zöllner von neuem an die Papiere zu überprüfen. Ab und zu kommt er zu uns und fragt nach Einzelheiten. Die Krönung ist, dass wir angeblich 16 Rubel zu wenig an Gebühren für den Lkw bezahlt haben. Doch das lag am Wechselkurs der Bank. So dauert es bis 12:00 Uhr und wir können endlich in Richtung Otor starten.
Eine Stunde später sind wir in Otor. Der Zöllner besichtigt zunächst die Sporthalle, die als vorübergehendes Zolllager dienen soll. Dann muss der Lkw neben den Eingang der Halle gefahren werden. Da die Einfahrt ziemlich eng ist, hat Walter so seine Mühen. Jetzt kann endlich die Plombe geöffnet werden. Wir fangen an auszuladen. Der Zöllner beobachtet genau wo die Pakete abgestellt werden. Einige der Pakete, z.B. für die Kommission und den Zoll, sind nicht deklariert. Diese müssen wir beiseite schaffen. Doch es besteht keine Gelegenheit. Dann begibt sich der Zollbeamte nach draußen und wir bringen ein paar Lebensmittelpakete aus der Halle. Doch er riecht anscheinend den Braten und erwischt uns dabei. Zwar sieht er den Raum wo wir die Pakete hinbringen aber weiter sagt er nichts. Das Ausladen geht schnell voran, wir haben 232 Pakete mit.
Dann kommt auch schon die von Irina alarmierte Kommission, die alle Pakete öffnen und die darin enthaltenen Sachen registrieren soll. Doch zunächst lässt der Zollbeamte einige Pakete öffnen, um zu sehen ob der Inhalt auch der Zollerklärung entspricht. Sogar das Haltbarkeitsdatum der Lebensmittel kontrolliert er. Schließlich verabschiedet er sich und Rafael bringt ihn zurück nach Gomel.
Doch nun haben wir ein anderes Problem. Die Kommission ist schon da und will mit der Arbeit beginnen, doch noch sind einige Pakete in der Halle, die nicht hierher gehören. Irina soll die Kommission in ihr Büro holen, doch die wollen nicht. Zu guter letzt wirft Georg die letzten beiden Kommissionsmitglieder raus. Nun muss alles ganz schnell gehen. Wir suchen 24 Pakete und finden nur 23. Schließlich geben wir es auf und verlassen die Halle. Wir gehen zu Irina und der Kommission, machen ein Bild und notieren die Namen und Berufe der Mitglieder. Langsam entspannt sich die Lage etwas.
Es ist nun schon 14:30 Uhr und Wassja, der Freund von Tatjanas Tochter Marina, fährt mit mir zu einem Picknickplatz, wo Wanja und die anderen schon warten. Das Feuer brennt schon und es riecht sehr gut. Der Platz ist traumhaft und vor allem ganz ruhig. Hier komme auch ich etwas zur Ruhe. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich ziemlich angespannt. Jetzt genieße ich die Ruhe, das gute Essen und auch mal einen Wodka. Höhepunkt ist natürlich das von Wanja vorbereitete und einem Kollegen zubereitete Schaschlik. Spieße mit Fleisch, Zwiebeln und Paprika, eingelegt in einer speziellen Soße. Es ist köstlich. Doch langsam wird es auch kälter. Es ist 17:00 Uhr, die Sonne ist untergegangen und es ist schattig. So packen wir langsam zusammen und warten noch bis das Feuer ausgeht. Dann fahren wir in einem Kleinbus zurück nach Tschetschersk. Wanjas Kollege legt einen heißen Reifen auf.
In Tschetschersk steige ich mit Alessja aus und wir gehen nach Hause. Dort packe ich meine Sachen, um an diesem Abend noch die Familie Prankewitsch zu besuchen. Eigentlich wollte ich zu Fuß gehen, doch neben dem Rucksack habe ich noch ein Paket zu tragen und das ist nicht leicht. So rufe ich bei Ljuda an und bitte Sie, dass mich Dima abholt. Gegen 18:00 Uhr treffen wir bei Ljuda ein. Larissa, Philipp, Lena (Ljudas Schwester) und ihre Kinder Irka und Dima sind auch da. Es folgt eine herzliche Begrüßung, insbesondere mit Ljuda. Ihr geschiedener Mann Mischa ist leider nicht da. Bei beiden durfte ich jahrelang während der Hilfstransporte wohnen. Doch es gibt auch so viel zu erzählen. Larissa z.B. wird im Dezember für 2 Wochen zu ihren ehemaligen Gasteltern nach Belgien fahren. Und ihr kleiner Sohn Philipp wird sie begleiten. Das ist übrigens immer noch ein quicklebendiges Kerlchen. Mit Irka und Dima rennt er durch die Wohnung. Da ist richtig was los. Trotzdem kommen wir auch noch zum essen und getrunken wird natürlich auch ein wenig. Ich habe natürlich auch ein paar Geschenke mitgebracht und ganz besonders die Kinder freuen sich darüber. So vergeht die anderthalbe Stunde wie im Flug und gegen halb acht Uhr muss ich mich schon verabschieden. Ich habe die Zeit bei Ljuda und ihrer Familie sehr genossen.
Als nächstes besuche ich die Familie Andronik. Ihre Tochter Irina war in diesem Sommer zum ersten Mal in Hargesheim und ihre Gastfamilie Michael und Birgit Reinke hat mir einen Brief für sie mitgegeben. Sie freuen sich sehr und geben mir gleich auch ein Geschenk für die Familie Reinke mit.
Nun endlich gehe ich zur Wohnung der Familie Usow, wo sich heute alle Fahrer treffen. Schon zum Mittagessen war ein Teil der Fahrer dort und heute Abend sind wir auch zum Abendessen eingeladen. Ich sehe Camilla wieder. Allerdings hätte ich sie nicht erkannt. Sie war vor 10 Jahren bei Familie Wirtz in Hargesheim und damals gerade mal 7 Jahre alt. Heute ist sie eine junge Frau mit 17 Jahren. Wir erzählen ein wenig und ich stelle fest, dass sie ein sehr angenehmer Mensch ist. Auch sie will am nächsten Tag mit nach Gomel zum Zirkus fahren. Dann kommt auch noch Kolja mit dem Akkordeon und es wird gesungen und getanzt.
Vor allem Alina ist gut drauf und fängt an zu tanzen. So langsam lockert sich die Stimmung. Überall wird erzählt und draußen auch geraucht. Es wird doch noch ein schöner Abend.
Gegen 22:00 Uhr verabschiede ich mich und Rafael fährt Alina und mich nach Tschetschersk. Ich soll zu Tatajana kommen und Alina geht zu ihrer Freundin. Da ich den Code für die Eingangstür von Tatjanas Haus nicht kenne, ruft Alina von ihrer Freundin dort an und dann werde ich an der Haustür abgeholt. Nach einiger Zeit verabschiede ich mich auch hier und gehe nach Hause. Wanja und Alessja schlafen schon, doch Tatjana hat mich telefonisch angemeldet und Wanja öffnet die Tür. Ich nutze die Gelegenheit und gehe ebenfalls früh zu Bett.
Mittwoch, 02.11.2005. Heute kann ich etwas länger schlafen und stehe erst um 07:30 Uhr auf. Nach Bad und Frühstück packe ich meine Sachen. Die letzten Geschenke gehen an Alessja und ihre Tochter Nastja. Wanja war schon zur Arbeit, kommt aber noch mal zurück, um sich von mir zu verabschieden. Wir machen noch ein Bild. Leider ist Veta heute schon früh zur Schule und nicht mehr zu Hause. Dann verabschiede ich mich und bedanke mich für die herzliche Aufnahme. Ich habe hier wirklich sehr gut gewohnt und mich wohl gefühlt. Wanja hilft mir mein Gepäck zur Straße zu bringen und dann kommt auch schon der FORD-Bus. Udo ist auch schon drin und so fahren wir nach Otor, wo wir uns bei Konzewajas treffen, um die Fahrzeuge herzurichten und umzuladen. Denn Rafael, Jürgen und ich fahren heute mit Emma nach Minsk und werden den Sprinter nehmen, da wir viel Gepäck und Pakete haben und am nächsten Tag die Truppe die Sitzplätze im FORD braucht.
Dann fahren wir noch zur Schule, um Lebensmittelpakete einzuladen. Wir treffen dort die Kommission, die gestern bis 19:00 Uhr und heute schon seit 09:00 Uhr am arbeiten ist. Auch Irina ist da. Wir erklären warum wir am Tag zuvor die Kommission der Halle verwiesen haben. Schließlich sollen auch sie ein Paket bekommen, das natürlich nicht deklariert war. Wir ernten großes Lob, denn die Kommission, die bereits viele Transporte angenommen hat, hat so einen gut vorbereiteten Transport angeblich noch nicht gesehen. Ein Paket wird noch getauscht (das, welches wir am Tag zuvor nicht gefunden haben) und zwei Lebensmittelpakete werden noch aufgefüllt. So hat alles seine Ordnung und auch die Kommission kann ohne Probleme arbeiten. Der Abschied fällt demnach auch sehr freundlich aus.
Von den restlichen Fahrern verabschieden wir uns gegen 10:00 Uhr. Rafael, Jürgen und ich fahren nun nach Nowaja Jaskowtschina zu Nadja und ihrer Familie. Dort ist die Freude sehr groß, auf beiden Seiten. Nadja ist ein liebes Mädchen und ihre Mutter freut sich immer wenn sie uns sieht. Jürgen hat viele Geschenke mitgebracht und wir werden ins Haus gebeten. Nadja lebt mit ihren Eltern in einem Holzhaus ohne fließend Wasser und mit Toilette über dem Hof. Sie betreiben eine kleine Landwirtschaft von der sie wohl auch leben. Nadjas Eltern sind schon sehr alt. Sie ist ein sogenannter Nachkömmling. Auch wir bekommen Geschenke und verabschieden uns dann.
Als nächstes fahren wir nach Tschetschersk, um Emma bei Tatjana abzuholen und uns dort von Alina zu verabschieden. Im nächsten Jahr wollen einige Männer und Frauen Alina in Russland zu ihrem 60. Geburtstag besuchen. Sie freut sich schon sehr darauf. Wir bringen dann noch zwei Pakete zu Tatjana und Alina und sagen Adieu.
Nun geht es weiter zu Anna und Iwan Arlow. Sie haben 3 Jahre lang die Transporte für Otor abgewickelt. Und seitdem sind sie gute Freunde von uns. Trotz der Bitte, dass Anna nichts vorbereiten soll, ist der Tisch natürlich reichlich gedeckt. Zunächst begrüßen wir uns herzlich. Wir lernen heute auch die Tochter von Anna und Iwan mit ihrer Familie kennen. Sie sind zu Besuch und haben ihren 6-monatigen Sohn dabei. Auch hier liefern wir ein Paket ab und genießen ein gutes Essen. Jürgen muss für uns alle Wodka trinken, denn Rafael und ich reden uns raus, dass wir noch fahren müssen. Insgesamt ist es eine schöne Stunde bei den Beiden und wir kommen nur schwer wieder weg.
Bevor wir nun nach Minsk starten, wollen wir noch kurz bei Natalja Bulanowa vorbeischauen. Ihr Sohn ist krank und so werden wir uns nicht lange dort aufhalten. Aber natürlich haben wir auch hier Geschenke abzugeben. Nataljas Mutter und eine Tante sind da und unterstützen sie. Man sieht ihr allerdings an, dass sie wohl eine kurze Nacht hatte. Wir bleiben auch nicht lange und verabschieden uns. Auf dem Weg zur Straße geht mein Handy. Wanja ruft an. Er will uns noch kurz treffen bevor wir nach Minsk fahren. Kurze Zeit darauf kommt er mit seinem Dienstfahrzeug an, wie immer ziemlich in Hektik. In der Manteltasche trägt er eine Flasche Wodka für mich. Dann verabschieden wir uns endgültig von ihm.
Um 12:15 Uhr starten wir dann endlich in Richtung Minsk. Emma hat am Morgen noch bei der Stiftung angerufen und erfahren, dass sie, trotz gekündigter Räume, noch immer in der Starovilenskaja-Str. ist. Wir sollen am nächsten Morgen um 11:00 Uhr dort sein, dann will uns Irina Gruschewaja dort empfangen. Wir brauchen also nicht, wie ursprünglich geplant, noch heute dorthin zu fahren und haben so etwas Luft. Doch die Fahrt nach Minsk verläuft gut und wir kommen schnell voran. Eine kurze Pause zum Fahrer wechseln, ansonsten fahren wir in einem durch. Jürgen muss nicht fahren, er musste ja für uns Wodka trinken.
Gegen 15:45 Uhr sind wir in dem Einkaufsmagazin „Wolgogradskaja“, wo wir Getränke für die Rückfahrt kaufen. Es geht alles sehr schnell und schon 10 Minuten später sind wir auf dem Weg zur Familie Schewzow. Dort kommen wir um 16:15 Uhr und nach fast genau 300 km an. Heute haben wir keine weiteren Termine mehr. Nur noch den Bus ausladen und zum bewachten Parkplatz bringen. Rafael wir von seinen Freunden aus Stoubcy abgeholt. Dann lerne ich auch Dennis, Olgas neuen Freund kennen. Wir lernen uns kennen und versuchen uns mit Russisch und etwas Englisch zu unterhalten. Katharina ist in der Küche zugange. Es riecht gut und ich freue mich richtig auf das Essen. Jura ist noch unterwegs, um Iwan von der Arbeit abzuholen. Es dauert und Jura meldet sich von unterwegs. Sie sind auf dem Weg quer durch die Stadt und es ist viel Verkehr. So gegen 18:30 Uhr sind die Beiden da und wir essen zu Abend. Es gibt Bratkartoffeln, Salat und überbackenes Fleisch. Auch russisches Bier (1 ½ Liter, ein Geschenk von Wanja für mich), Wodka und Schnaps (hat Jürgen mitgebracht) stehen auf dem Tisch. Beste Voraussetzungen für einen schönen Abend. So genieße ich ein paar ruhige Stunden im Kreise von Freunden. Und Dennis hat den Geschmack an dem Schnaps von Jürgen gefunden. Er kann ganz schön was wegputzen. Trotzdem wirkt er nicht betrunken.
Gegen 23:00 Uhr, nachdem ich mehrmals fast eingeschlafen bin, gehen wir zu Bett. Jürgen und ich schlafen im Schlafzimmer von Iwan und Katharina. Es ist ziemlich warm, doch wir sind zu müde, um daran zu denken das Fenster zu öffnen. Schnell schlafen wir ein.
Am Donnerstag Morgen kurz nach 07:00 Uhr werden wir wach. Noch vor dem Frühstück holen wir den Bus mit Anhänger vom Parkplatz. Dann genießen wir Plinis mit Marmelade und Honig.
Um 09:00 Uhr fahren wir zur Poliklinik Nr. 8 wo Olga arbeitet. Die Abteilungsärztin, eine Stationsärztin und Olga begrüßen uns. Wir holen 3 Pakete aus dem Bus, die wir für die Poliklinik mitgebracht haben. Als wir danach fragen, ob ein Krankenwagen gebraucht wird, kommt noch der Oberarzt dazu. Wir erzählen auch von der geplanten Aktion „Sanitäre Anlagen“ in der Schule in Otor und hören, dass auch in der Poliklinik die sanitären Anlagen einer Renovierung bedürfen. Es gibt noch Kaffee und Plätzchen und dann verabschieden wir uns. Wir fahren weiter ins Zentrum wo wir die Stiftung als nächstes besuchen wollen.
Um 11:00 Uhr treffen wir pünktlich in der Starovilenskaja-Str. ein und werden herzlich von Olga begrüßt. Leid er ist Irina Gruschewaja, die Frau des Vorsitzenden der Stiftung Gennadij Gruschewoj, noch nicht da. Sie ist aber unterwegs und wird bald hier sein. So nutzen wir die Zeit und besuchen noch einen Buchladen ganz in der Nähe. Ich will noch eine neue Karte von Belarus besorgen und werde dort auch fündig. Wir schlendern entlang der Swislatsch zurück und einige Minuten nach uns trifft auch Irina ein. Sie kommt gerade von der Besichtigung neuer Räumlichkeiten, da ihnen die alten in der Starovilenskaja-Str. gekündigt worden sind. Emma, Jürgen und ich erzählen Irina von unsere Transport und von der Situation mit den Kinderreisen allgemein. Anschließend habe ich noch ein Gespräch unter 4 Augen mit Irina, das sich um die Zusammenarbeit der Stiftung mit der Bundesarbeitsgemeinschaft „Den Kindern von Tschernobyl“ dreht. So wird es doch später als geplant und gegen 13:15 Uhr machen wir uns auf den Weg in den Stadtteil Malinowka, wo die Familie Schewzow wohnt.
Unterwegs halten wir noch in dem Einkaufszentrum „Kirmasch“, wo noch schnell einige Küchenhandtücher gekauft werden. Dann geht es schnell nach Hause. Bei der Anfahrt sehen wir schon, dass der Rest der Truppe bereits aus Otor eingetroffen ist. Sie sitzen beim Mittagessen und lassen es sich schmecken. Auch wir essen etwas und dann packe ich meine Sachen. Die Autos werden wieder umgeladen und für die Rückfahrt hergerichtet. Irgendwie hat man den Eindruck alle wollen nach Hause. Kurz vor 15:00 Uhr nehmen wir Abschied von Emma, Katharina und den Kindern. Iwan und Jura begleiten uns noch ein Stück. Zunächst geht es zur Tankstelle und dann stadtauswärts. Schon bald halten wir rechts an und auch Iwan und Jura verabschieden sich. In diesem Moment weiß niemand wann wir uns einmal wiedersehen werden. Aber bis jetzt gab es immer wieder eine Gelegenheit.
Wir machen uns auf den Weg nach Hause und ich rufe kurz übers Handy bei Rafael an, der bei Stoubcy, ca. 70 km von Minsk Richtung Brest, zusteigen will. Wir kommen um 16:00 Uhr an der dortigen Mautstelle an, doch Rafael ist noch nicht zu sehen. Also warten wir etwas und nach einigen Minuten erscheint er mit seinen Gastgebern. Jetzt sind wir komplett. Ein letzter Abschied und wir passieren die erste Mautstelle.
Schon bald wird es dunkel und wir rücken der Grenze bei Brest näher. Kurz vor Brest biegen wir rechts ab zum Grenzübergang für Lkw in Koslowitschi. Es ist 20:30 Uhr als wir am Eingang zu den Grenzanlagen stehen. Doch wir dürfen nicht einfahren. Vor der Einfahrt in die Grenzanlagen müssen wir noch einmal ein gutes Stück zurück ins Terminal bei Brest. Dort ist nur ein Stempel erforderlich und wir können wieder Richtung Grenze fahren. Die ganze Aktion hat uns mindestens eine halbe Stunde gekostet. Doch nun fahren wir in die Grenzanlagen mit vielen Kontrollen ein. Von Otor bis hierher waren es nun schon 660 der insgesamt fast 2.100 km. Im weißrussischen Zoll geht es zügig voran. Natürlich ist das relativ. Aber bei mehreren Fahrzeugkontrollen, Bearbeitung der Papiere und Kontrolle der Pässe von 13 Fahrern ist eine Durchlaufzeit von 2 ½ Stunden seit dem ersten Mal an der Grenzstelle doch recht schnell. Noch schnell im Duty-free-Shop vorbei geschaut und um 23:00 Uhr verlassen wir den weißrussischen Teil der Grenzanlagen.
Wir fahren über den Grenzfluss Bug und stellen die Uhr eine Stunde zurück. Auch hier geht es gut voran. Allerdings müssen wir für einen der beiden Busse (wegen dem Anhänger) noch Straßengebühren nachlösen. Und wie das halt so ist, hat die Bank gerade Pause und am Schalter ist eine lange Schlange. Als wir zurück am Zollschalter sind, erfahren wir, dass wir zur Rampe müssen. Jedoch nur mit dem roten Bus mit Anhänger. Also fahren wir dorthin, suchen einen Zollbeamten der sich das Auto und den Anhänger ansieht und eigentlich gar keine Lust dazu hat. So ist die Kontrolle recht kurz und wir können den Zoll verlassen. Die anderen 2 Fahrezeuge stehen jedoch noch auf dem Parkplatz und bis sie vorgefahren sind dauert es etwas, denn vor der Durchleuchtungsanlage für Lkws hat sich eine Schlange gebildet, die man nicht sofort überholen kann.
Doch um 01:00 Uhr, also nach 3 Stunden im polnischen Zoll, verlassen wir diesen, um uns auf den Weg durch Polen zu machen. Im Vergleich zum letzten Transport sind wir ca.06 ½ Stunden früher dran. Schon ein gutes Gefühl.
Freitag, 02.11.2005. Da es noch dunkel ist, legen sich einige zum Schlafen hin. So ist es ziemlich ruhig in den Autos und wir kommen gut voran. Die Strecke führt uns Richtung Warschau und, da wir eine Lkw dabei haben, der nicht durch Warschau fahren darf, auch auf einer Umleitungsstrecke um Warschau herum. Über Sochazew kommen wir nach Kutno, wo direkt an der Straße der McDonalds ist. Doch es ist noch früh und er hat noch nicht geöffnet. Weiter geht es über Konin und Klodawa in Richtung Posen. Wir kommen auf die Autobahn, die jetzt um Posen herum geht. Dadurch sparen wir einiges an Zeit. Gegen 12:15 Uhr sind wir kurz vor der Grenze zu Deutschland. Da wir gut in der Zeit liegen, haben wir uns entschlossen den Polenmarkt in Slubice, der polnischen Grenzstadt zu Frankfurt/Oder, zu besuchen. Wir schlendern alleine oder in kleinen Gruppen an den Ständen vorbei und genießen das Flair und das Angebot. Eine gute Stunde haben wir Zeit und als wir uns wieder treffen, hat fast jeder eine Tüte in der Hand. Der ein oder andere hat auch etwas gegessen und so fahren wir gut gestärkt zurück in Richtung Autobahn-Grenzübergang. Punkt 14:00 Uhr passieren wir die Grenze zwischen Polen und Deutschland. Nur eine kurze Passkontrolle und wir dürfen durchfahren. Endlich wieder deutschen Boden unter den Füßen. Als wir vor 6 Tagen in die andere Richtung fuhren hatte ich noch gesagt. „Wenn wir dort drüben fahren ist mir wohler.“ Nun ist es so weit und ich fühle mich auch erleichtert.
Weiter geht es auf der A12 und der A10 an Berlin vorbei bis zum Dreieck Potsdam. Dort biegen wir auf die A9 Richtung Süden ein und nach 20 km machen wir Rast auf der Raststätte „Fläming“. Toiletten vom Feinsten, gutes Essen und eine schöne Tasse Kaffee wirken beflügelt auf uns. Nach einer Pause von 45 Minuten geht es gegen 16:30 Uhr auf die letzten knapp 600 km. Die Strecke ist bekannt. Sie führt uns an Leipzig vorbei über das Hermsdorfer Kreuz auf die A4. Weiter geht es vorbei an Jena und Weimar über Eisenach auf die A5 in Richtung Frankfurt. Der anvisierte Ankunftszeitpunkt von 01:00 Uhr in der Nacht wird noch einmal korrigiert auf ca. 23:30 Uhr. Und fast genau um diese Zeit fahren in Hargesheim in die Schulstraße ein, wo unsere Angehörigen schon auf uns warten und uns begrüßen. Die Wiedersehensfreude ist groß und alle fallen sich in die Arme. Es ist halt immer wieder schön nach Hause zu den eigenen Familien zu kommen.
Wie bei jedem Hilfstransport ist für die Fahrer bei der Familie Herrmann ein Begrüßungsessen angerichtet. Es gibt Kartoffeln, Rouladen und Soße. Natürlich stoßen wir auch auf die glückliche Heimkehr mit einem Wodka an und müssen den Angehörigen viel erzählen. Doch es macht sich auch Müdigkeit breit und so gehen wir nach Hause, um endlich wieder einmal im eigenen Bett auszuschlafen.
Und am nächsten Tag haben wir ja etwas Arbeit. Die Autos müssen ausgeräumt und gereinigt werden. Anschließend werden sie vollgetankt und ihren Besitzern zurückgebracht. In den nächsten Tagen gibt es noch einige Nacharbeiten zu erledigen und dann ist der Hilfstransport abgeschlossen. Mehr als ein halbes Jahr Arbeit war investiert worden und nun kehrt hoffentlich wieder etwas mehr Ruhe ein. Doch die nächsten Aktivitäten werfen schon ihre Schatten voraus.
Noch ein Hinweis an alle InterFriendship-Spender:
Von der Übergabe der Artikel konnte ich leider keine Bilder machen, da sie noch in der Turnhalle der Schule eingelagert waren und erst verteilt werden durften, nachdem der Präsident persönlich die Freigabe erteilt hatte. Wir sind aber sehr zuversichtlich, dass wirklich alles dort ankommt wo es hingehört. Zumal alle Artikel, d.h. wirklich jeder einzelne Artikel wie z.B. ein Bleistift oder ein Radiergummi, bereits von der Kommission erfasst sind. Das funktioniert dort wie eine Buchhaltung bei uns. Nur nicht mit Geld sondern mit Sachen. Zuerst wird alles eingebucht und wenn es verteilt wird, wird alles wieder ausgebucht. Am Ende muss dann Null rauskommen. Die Bilder von dem Computer sind aus der Poliklinik Minsk. Für diese Klinik, in der unser erstes Tschernobylkind Olga als Krankenschwester arbeitet, hatten wir einige Sachen nicht auf der Zollerklärung erklärt und dann natürlich auch nicht der Kommission übergeben. Das war zwar eine heikle Situation. Wenn wir das aber nicht gemacht hätten, hätten wir das alles gar nicht mitnehmen dürfen.