Nach 15 Jahren Ehe hatten meine Ex und ich uns auseinandergelebt
– zu unterschiedliche Interessen, stark voneinander abweichende
Erwartungen vom Leben brachten eine nicht mehr zu tolerierende Kälte
in die Beziehung. Die „Kündigung“ war die zwangsläufige
Folge.
Zwei Jahre lebte ich mein wiedergewonnenes Junggesellen-Dasein
voll aus, doch mehr und mehr spürte ich, dass etwas in meinem Leben
fehlte: ein lieber Partner an meiner Seite, der alle Freuden (und auch
Leiden) des Lebens mit mir erlebt.
Der „nationale Markt“ gab nicht mehr das her, was ich in einer
Partnerin suchte – echte Liebe, Wärme, Zuneigung, Aufrichtigkeit,
Familiensinn, Häuslichkeit - die Liste liesse sich beliebig erweitern.
Von einem weitläufigen Bekannten erfuhr ich von sog.
bi-nationalen Partnerschaften und Ehen mit Frauen aus den GUS-Staaten.
Diese Frauen sollten angeblich alles das verkörpern, was deutsche
Mannsbilder in einer Partnerin suchen. Das sie darüber hinaus noch
zu den schönsten Frauen der Welt zählen sollen, nahm ich mit
Freude zur Kenntnis.
Ich begab mich also in die Tiefen des world wide web und
nach einigem Suchen landete ich bei einer Agentur namens I.F., einer Adress-Vermittlung
einerseits und - das war die Ausnahme bei solchen Agenturen – einer
Art Community andererseits.
Hier wurden nicht nur Adressen heiratswilliger Frauen aus den GUS-Staaten
verkauft, hier standen sich auch Mitglieder mit Rat und Tat beiseite.
Nach
einigen Fehlversuchen (Absagen, gar keine Antworten) fand ich schliesslich
meine Tanya, 27 Jahre alt, braune lange gelockte Haare, schlank und mit
einem wunderschönen Lächeln – sie schlug förmlich
ein wie der Blitz.
Die oder keine, war mein erster Gedanke.
Der zweite Gedanke war schon wieder von einer gewissen Resignation überschattet:
So eine Hübsche, die hat bestimmt schon 100e Zuschriften von anderen
Kerls bekommen, die wartet nicht auf jemanden wie mich.
Aber was hatte ich zu verlieren (ausser ein paar Euro)
?
Also, dachte ich, schreiben kannst Du ja mal. Ich wollte mir wirklich
alle Mühe geben mit meinem ersten Brief an sie, aber das war gar
nicht nötig, es schrieb sich wie von selbst und so ganz anders wie
die ersten Briefe.
Ab an die angegebene Mail-Adresse und keine 24 Std. später hatte
ich Antwort.
Von diesem Tag an haben wir uns täglich mehrere Mails und Greeting-Cards
geschrieben und ab der 2. Woche nahezu jeden Tag zwischen 2 und 4 Std.
telefoniert.
Ich habe ihr alle zur Verfügung stehenden Fotos von mir, meinem Haus
und meinem Umfeld per Mail geschickt - sie wollte alles über mich
sehen / wissen. Dank digitaler Fotografie war es kein Problem, ihren Wissensdurst
täglich zu stillen.
Schon nach kurzer Zeit stand fest: wir wollen uns sehen. Aber wie am besten
anstellen ?
Ich muß dazu sagen, daß Tanya Jüdin ist und somit zur
Kategorie der in den GUS-Staaten lebenden Spätaussiedler (auch liebevoll
Kontingent-Flüchtlinge genannt) gehört - ein entsprechender
Antrag auf Ausreise nach Deutschland lag sowohl von ihr als auch von den
Eltern bei der Botschaft in Kiev vor.
Besuchsvisum schied also aus, denn das hätte sie wohl kaum genehmigt
bekommen (eben wegen dieses Antrags auf Emigration). Also Travel-Visum.
Dazu mußte sie aber einen frommen Film erfinden, warum und wohin
sie reisen wollte.
Die
auftauchenden Probleme waren scheinbar unüberwindbar, aber letztlich
im Januar 2002 hat es dann für 14 Tage geklappt. Tanya
kommt zu mir – hätte der Titel eines Schnulzenschlagers werden
können.
Kiev - Frankfurt, Ankunft 9.30 Uhr. Ich wollte sie na
klar abholen. Von meinem Wohnort nahe Köln bis Frankfurt ca. 2,5
Stunden Fahrt.
Ich habe die Nacht vorher kaum ein Auge zugemacht, war um 5 Uhr morgens
viel zu früh schon in den Startlöchern und bin um 8.20 Uhr in
Frankfurt angekommen. Die Maschine hatte 40 Minuten Verspätung, so
dass ich ziemlich ziellos den gesamten Frankfurter Flughafen kennengelernt
habe. 15 Minuten vor Landung der Maschine fiel mir etwas siedend heiß
ein: Sch....., Du hast ja gar keine Blumen.
Na ja, im Flughafen gibt's ja genügend Blumenläden, kein Problem.
Doch ein Problem, denn der einzige !! Blumenladen befand sich genau am
anderen Ende des Terminals. Und der Terminal ist groß ! Ich bin
selten so gerannt und habe glücklicherweise dann eine langstielige
Rose mit weißem Drumherum verpackt in Folie für die Lächerlichkeit
von 10,50 EURO erstanden. War aber auch schon egal. Ich hasse solche nicht
geplanten Zwischenfälle und kam völlig ausser Atem wieder am
Gate an - gerade rechtzeitig, als der erste Schwung Fellmützen durch
das Tor kam.
Dann kam sie, noch schöner als auf den Fotos, suchend, mich findend,
völlig scheu, so ganz anders als am Telefon. Das Ankunftsfoto hatte
ich vor lauter Aufregung regelrecht verschossen, an die Rose habe ich
erst wieder einige Minuten später denken können.
Ich versuchte, ihr die Scheu ein wenig zu nehmen (war vorher so verabredet),
nahm sie in den Arm und versuchte, einen Kuss auf ihre Wange zu plazieren.
Scheu drehte sie den Kopf ein wenig zur Seite, aber es reichte noch für
einen Treffer.
Dann gingen wir aus dem Terminal hinaus in Richtung Parkhaus und rauchten
erst mal eine Zigarette. Sie erzählte vom Flug usw., ich hörte
gar nicht richtig zu, hatte nur Augen für sie, betrachtete sie von
der Seite, beobachtete sie ganz genau.
Auf dem Heimweg, gerade auf der Autobahn, bat sie mich, bei der nächsten
Möglichkeit raus zu fahren. Klar, dachte ich, sie muß mal.
Fehlanzeige, sie bat mich, mit meinem Handy mal kurz zu Hause anrufen
zu dürfen, daß sie sicher gelandet sei.
Das ich ihr das nicht selber angeboten hatte, ärgerte mich schon
ein wenig.
Die restliche Heimfahrt gestaltete sich relativ ruhig. Anfangs deutete
ich ihr Schweigen als eine Mischung aus Müdigkeit, Heimweh, Angst
vor dem Neuen / Unbekannten etc. aber auf Befragen teilte sie mir mit,
sie geniesse einfach nur die Fahrt, betrachte die Landschaft und sauge
überhaupt alles in sich auf.
Für uns ist eine Fahrt auf der A 3 zwischen Frankfurt und Köln
wohl alles andere als reich an Eindrücken und Erlebnissen, jedoch
für sie mussten diese doch so totalen Unterschiede in Landschaft,
Strassen und Städten überwältigend sein.
Zu Hause angekommen stellte sie erst mal ihre Habseligkeiten
in die Ecke und schaute sich im Erdgeschoss des Hauses ausgiebig um.
Plötzlich und unvermittelt fiel sie mir um den Hals. Wir verlebten
wir zwei wundervolle Wochen. Es war von Beginn an kein Thema für
sie, daß wir zusammen in meinem Schlafzimmer schliefen, schließlich
wollte sie mich kennenlernen, mit mir zusammen leben und nicht abgeschieden
in meinem Gästezimmer verweilen.
Der Abschied nach 14 Tagen war wohl so ziemlich
das Härteste, was ich je erlebt habe. Sie flog zurück von Köln
direkt nach Donetsk, der Flughafen war keine halbe Stunde von meinem Wohnort
entfernt. Trotzdem wollte sie 2 Stunden vorher dort sein, um ja nicht
die Maschine zu verpassen. Diese 2 Stunden zogen sich einerseits zur Ewigkeit,
andererseits konnten sie gar nicht lange genug dauern.
Aber dann war sie weg, ich fuhr nach Hause und hatte eine Stimmung, in
der mir besser keiner zu nahe kam. Warum müssen wir uns jetzt schon
wieder trennen ? Warum kann man sich nicht nächste Woche wiedersehen
?
Ein sch.... Gefühl.
Jedoch waren wir uns nach diesen 14 Tagen einig, wir wollten zusammen
bleiben und so schnell wie möglich heiraten.
Nun muss ich gestehen, daß ich zu diesem Zeitpunkt noch verheiratet
war - zwar nur auf dem Papier, aber bislang sah ich keine Notwendigkeit,
eine in meinem Fall sehr kostenintensive Scheidung zu forcieren.
Doch jetzt war alles anders. Ich trieb die Angelegenheit voran, suchte
mir einen Winkel-Advokaten, der etliche Tricks, Kniffe und entsprechende
Verbindungen kannte, das Verfahren von normalerweise 3-4 Monaten auf 4-6
Wochen zu reduzieren.
Glücklicherweise hat damals meine Ex keine Zicken gemacht - das kam
erst später – so dass ich Anfang April glücklich (und
teuer) geschieden war.
Für das Heiratsvisum benötigte Tanya nämlich das rechtskräftige
Scheidungsurteil, daher die Eile.
Nachdem auch sie drüben Gas gegeben und ihre Papiere schnell zusammengetragen
hatte, konnten wir den Termin für ihr endgültiges Kommen auf
Ende Juni 2002 legen. Dieses Mal flog sie nicht von Kiev nach Erhalt des
Visums, sondern kehrte erst noch mal nach Hause zurück, um einerseits
ihr Hab und Gut mitzunehmen und andererseits sich von den Eltern zu verabschieden.
Ich hatte mir ein paar Tage Urlaub genommen und wir genossen erst mal
das Wiedersehen.
Danach packte uns ganz schnell der Alltag, denn auch hier in Deutschland
gibt es einen Beamtenapparat, der gerne alles doppelt und dreifach prüft.
Also mußten wir, bevor wir heiraten konnten, auch hier von A nach
B laufen, um alle Papiere zu erhalten, zu übersetzen, zu beglaubigen
und letztlich beim Standesamt abzuliefern.
Jedoch nach Aussage von Tanya alles um ein Vielfaches einfacher als bei
ihr zu Hause / Kiev.
10 Tage Österreich gönnten wir uns noch vor der Hochzeit, weil
wir nicht wußten, ob der Termin Ende September gehalten werden konnte
und danach das Wetter nicht mehr mitspielen würde.
Am 20. September aber war dann der große Tag: wir heirateten –
zwar nur standesamtlich, da wir beide kirchlich nicht organisiert sind
und darüber hinaus das ohne ihre Familie auch keinen Sinn gemacht
hätte.
Zugegen war nur ein langjähriges Freundespaar von mir, die Tanya
sofort ins Herz schlossen - und umgekehrt.
Nun waren wir ein Ehepaar.
Das
Zusammenleben mit Tanya war (und ist) so ganz anders als ich es von früher
gewohnt war: es wird nie langweilig. Allein schon die sprachliche Verständigung
gab anfangs immer wieder Anlass zu liebevollen Missverständnissen
und teilweise herzhaften Lachern.
Sie besuchte dann parallel 3 Deutschkurse, um ihr eigentlich recht passables
Deutsch kontinuierlich zu verbessern. Außerdem musste sie für
die Erneuerung des Führerscheins pauken, die Umschreibung machte
eine Prüfung in Theorie und Praxis notwendig.
Ein kleines Auto hatten wir ihr sofort nach ihrer Ankunft im Juli gekauft,
das Geld hatte sie sich eisern zusammengespart und den (wahrscheinlich
grossen) Rest hatte ihr Vater beigesteuert.
Inzwischen leben wir nun seit mehr als einem
Jahr zusammen, ohne dass wir jemals grössere Probleme oder Streitigkeiten
hatten (wäre ja auch schlimm nach nur einem Jahr). Aber trotz der
unterschhiedlichen Nationalitäten und Kulturen haben wir sehr schnell
einen gemeinsamen Nenner gefunden.
Tanya meistert nahezu alle Alltäglichkeiten völlig
selbständig, fährt mit ihrem kleinen Auto durch unsere Gegend
als wäre sie hier aufgewachsen, auch für sie technisches Neuland
wie beispielsweise Autowaschstrasse, Parkhaus oder Geldautomat stellen
für sie kein Hindernis dar.
Auch den Einkauf in Supermärkten erledigt sie bei Bedarf eigenständig
und preisbewusst, obwohl wir solche Dinge auch gerne gemeinsam erledigen.
Lediglich die unterschiedlichen Geschmäcker in Bezug auf Küche
und Mahlzeiten bereiten hin und wieder Kopfzerbrechen, aber auch hier
versuchen wir meist, eine für beide Seiten akzeptable Lösung
zu finden.
Als
nächstes Projekt wird die Emigration ihrer Eltern anstehen, die bereits
grünes Licht aus Kiev erhalten haben und nun nur noch ihre persönlichen
Angelegenheiten zu Hause regeln müssen. Ihre Ankunft in Deutschland
wird wohl zum Ende des Jahres sein – eine gerade für Tanya
schöne Bereicherung des Lebens, ihre Eltern zukünftig wieder
in der Nähe zu wissen.
Für sie wollen wir im Vorfeld eine Wohnung besorgen, um den Aufenthalt
in den Übergangslagern so kurz wie möglich zu halten.
Es wird also auch in Zukunft nicht langweilig werden - und das ist gut
so. Auch die nicht wegzuleugnenden 16 Jahre Altersunterschied machen mir
- bis jetzt - nichts aus. Im Gegenteil, es hält jung.